Stiftung
Autobahnkirche Andeer – Val Schons
Tranter Flimma 43B
7440 Andeer

info@autobahnkirche.ch

IBAN CH08 0077 4010 4141 6970 0

image Visualisierung Autobahnkirche Andeer Schweiz Moderne Architektur Herzog de Meuron
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Architektur

Architektur: Das Zusammenspiel von Stabilität, Nützlichkeit und Anmut; Ausdruck ihrer Zeit, zeitlos in ihrer Schönheit. Die Mutter aller Künste.

Architektur prägt Orte, unterstreicht die Natur in ihrer Schönheit und bringt Gefühle räumlich zum Ausdruck.

Architektur fasziniert. Architektur zieht Menschen an. Architektur ist Sinnbild und zugleich Denkmal unserer Kultur.

image Visualisierung Autobahnkirche Andeer Schweiz Moderne Architektur Herzog de Meuron

Project Key Data
Concept 2019 – 2020

Project Official Name Autobahnkirche
Location Andeer, Switzerland
Project Phases Concept Study
Jan 2019 – Feb 2020
Schematic Design
May 2023 – Aug 2023
Client IG Autobahnkirche A13
Client Representative IG Autobahnkirche A13,
Peider Ganzoni

Project Team
Herzog & de Meuron

Partners Jacques Herzog, Pierre de Meuron,
Martin Knüsel (Partner in Charge),
Andreas Fries
Project Team Daniel Wilson (Project Manager),
Anna Ludwig, Jackie Bae, Jonas
Läufer, Sukjoo Hong

Planning

Cost Consulting Christen Baukosten- und Projektmanagement,
Aeschenvorstadt 24,
4051 Basel, CH
Structural Engineering Conzett Bronzini Partner AG,
Bahnhofstrasse 3,
7000 Chur, CH

Specialist / Consulting

Traffic Consulting Casutt Wyrsch Zwicky AG,
45 Via Principala,
7053 Falera, CH
Visualizations Aron Lorincz Ateliers,
Nagyvárad u. 15,
2100 Gödöllő, HU

Building Data

Gross floor area (GFA) 280 m2
GFA above ground 130 m2
GFA below ground 150 m2
Number of levels 2
Height 10 m
image Visualisierung Autobahnkirche Andeer Schweiz Moderne Architektur Herzog de Meuron
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Durch das Ohr sehen
Eine Autobahnkirche bei Andeer

Die Natur ist schön bei Andeer: Berge, Flüsse, Wiesen und Wälder. Das Dorf, mit gut erhaltenen Gebäuden aus vergangenen Zeiten, auch. Die Zeit wie still. Wenig Hektik – wäre da nicht eine Nationalstrasse, die A13. Sie verbindet das Dorf im Norden mit Chur und im Süden via San Bernardino mit dem Tessin und Italien.

Ausgerechnet hier an dieser Strasse soll nun eine Kapelle entstehen? Autobahnkirchen werden rege besucht – das zeigen Statistiken. Dennoch überrascht die Idee der Gemeinde Andeer, gerade hier, in dieser Landschaft, eine Autobahnkapelle bauen zu wollen. In der Umgebung gibt es ja bereits einige Kapellen, wie übrigens auf dem ganzen Gebiet von Graubünden.

Sie wurden vor Jahrhunderten gebaut und liegen eingebettet in diese traumhafte Landschaft. Viele davon sind architektonische und kunsthistorische Kostbarkeiten: seien es einfache, verputzte Mauern oder auch mit Fresken; Deckenmalereien, Holzschnitzereien.

Es sind Orte, die uns anziehen, zum Beten und zum Gottesdienst – aber auch einfach zum Staunen, Verweilen und Innehalten. Viele dieser Kapellen kennen wir. Wir haben diese Bauwerke immer dafür bewundert, dass sie bis heute Menschen faszinieren, gerade weil sie nicht in einem städtischen Kontext eingebunden sind, sondern wie ein Teil der Natur funktionieren. Gerade weil wir diese alten Kapellen lieben, war uns klar, dass wir sie nicht als analoges Leitbild für heute – für eine zeitgenössische Architektur – verwenden konnten.

«Man kann die Aura alter Mauern nicht herbeizaubern, ohne beim Kitsch zu landen.»

Es gab also keine typologischen Vorbilder, keine Kirche, kein Gebetsraum – auch nicht kürzlich gebaute Architekturen irgendwo sonst auf der Welt, die wir hätten anschauen wollen im Hinblick auf die Andeerer Kapelle. Das ganze Konzept sollte nur aus dem Ort hier an dieser Strasse heraus entwickelt werden. Wir wollten ja auch nicht mit christlichen Symbolen – wie Kreuz oder Christusdarstellungen – vorangehen und den Besucher vereinnahmen mit expliziten religiösen Zeichen und Symbolen.

Wir suchten nach einer Architektur, welche die sinnliche Wahrnehmung des Menschen schärft – und zwar in Bezug auf den Ort, die Natur und auf sich selbst. Das Projekt ist für uns aussergewöhnlich, auch weil weder das Raumprogramm noch der Ort eindeutig festgelegt waren. Das alles, und natürlich die Entwicklung des architektonischen Konzepts, entstand in mehreren Begegnungen und sehr offenen Gesprächen mit Gemeindevertretern und dem Pfarrer von Andeer. Zunächst waren also nur Fragen, etwa: Wo soll die Autobahnkapelle hinkommen? Nicht irgendwo in der Landschaft, sondern an der Autobahn. Möglichst nahe. Wir probierten zunächst gar ein Konzept direkt über der Autobahn. Da entdeckten wir die bestehende Brücke über die Strasse, welche Dorf und Landschaft verbindet. Wir machten viele Entwürfe, darunter auch eine eingehauste Brücke, wie eine kleine Basilika über der Strasse. Dieses Konzept liessen wir fallen, weil es zu aufwändig war; aber uns gefiel die Idee der Brücke als Weg der Verbindung. Ein Weg zum Ort, ja ein Weg als Ort… gar durch die Kapelle hindurch? Aber wie sollte ein solcher Raum funktionieren?

Wegen des Standorts unmittelbar an der Schnellstrasse hatten wir auch den Lärm von Beginn an in unserem Sinn. Wortwörtlich. Lärm als Geräusch der Strasse, das wir überwinden und hinter uns lassen wollten, mit dem Betreten der Kapelle. Nicht durch eine einzige Türe, welche Innen und Aussen akustisch und räumlich trennt, sondern durch eine räumliche Sequenz, eine Abfolge von Raumkammern ganz unterschiedlicher Ausprägung – wie beim menschlichen Ohr. Dort dringt die akustische Welle ja durch den Gehörgang immer tiefer ins Innere und landet über verschiedene Stationen schliesslich umgewandelt zu einem akustischen Signal in unserem Gehirn, wo wir das Geräusch als solches wahrnehmen und erkennen können.

Für die Entwicklung des Entwurfs wollten wir eine solche Sequenz untersuchen. Wir vermieden dabei aber eine anthropomorphe Analogie, weil uns erste Skizzen und Modelle mit organischer Formenvielfalt nicht überzeugten. Wir suchten etwas Anderes und Archaischeres. Es sollte unmittelbar auf die fokussierte Wahrnehmung des Menschen gerichtet sein: auf eine veränderte Wahrnehmung der Geräusche und des Schauens.

Als Gebäudevolumen diente uns zunächst – quasi als Platzhalter – eine möglichst abstrakte Figur: ein geschlossener weisser Würfel mit einem komplexen Innenleben verschiedener Raumzonen. Sehr introvertiert. Je tiefer man eindringt, desto schwächer sollte die Strasse tönen und zugleich umso kräftiger der Klang der eigenen Schritte. Schliesslich, in einem letzten Raum angekommen, dringt plötzlich starkes Tageslicht ins Innere der Kapelle und eröffnet einen panoramischen Blick auf die Landschaft, hin zum Dorf und dem saftigen Grün der Wiesen und Wälder. Die Wahrnehmung dieses Grüns wird noch verstärkt durch die komplementäre Farbwirkung einer raumhohen, rot eingefärbten Glasscheibe. Die tiefliegende Abendsonne scheint durch das rote Glas in diesen letzten Raumabschnitt der Kapelle. Von dort gelangt man direkt hinaus in die Landschaft.

Eine durch Architektur unterstützte sinnliche Wahrnehmung suchten wir. Genau wie dieser letzte Raumabschnitt sollten aber alle Teile der Kapelle eine spezifische Qualität haben, einen eigenen Fokus sozusagen. Alltägliche, ja banale Dinge: zum Beispiel der Blick zum Himmel, die Konzentration beim Lesen oder die Wahrnehmung von Geräuschen – äusseren und inneren – verursacht durch die eigenen Schritte oder den Atem. Der anfänglich gewählte geschlossene Kubus konnte das aber nicht leisten. Er wirkte zu hermetisch und zu architektonisch. Wir mussten also weitersuchen. Wir wollten Raum schaffen, aber kein geschlossenes architektonisches Volumen. Es sollte doch eher ein Weg sein, von aussen kommend, durch eine Sequenz von spezifischen Räumen hindurch und dann direkt wieder ins Freie. Dieser Weg wurde aber erst wirklich als solcher wahrgenommen, als wir ihn durch das Erdreich hindurchführten. Wie durch einen Organismus oder eine Höhle. Wir erkannten, dass nun nicht eine, sondern eine Vielzahl von Analogien oder Assoziationen möglich wurden, was wir ja von Beginn an anstrebten. Der letzte Raum mit der roten Scheibe öffnet sich in einem höhlenartigen Oval und erinnert dabei an die frühchristliche und heidnische Kultstätte, die Archäologen in der Nachbargemeinde Zillis entdeckten. Entlang des trichterförmigen Erdraums eröffnen sich dem Besucher zwei weitere kleine Kapellen: eine erste zum Lesen, mit Tageslicht, das gleichmässig von oben in den runden Raum eindringt. Eine zweite, mit Kerze, matt spiegelnder Wandfläche und einem gerichteten einzelnen Oberlicht. Dies ist der persönlichste Ort für die Besuchenden: Hier werden sie mit sich selbst konfrontiert.

Der Erdraum ist also als eine Sequenz von Kapellen konzipiert, mit einem ebenerdigen Ausgang gegen Westen und einem Einstieg von oben über eine breite, schneckenförmig gewundene Treppe. Dieser Einstieg ist wie ein Loch im Boden oder wie ein Ablauf in einem Behälter. Vielleicht auch wie die runde Öffnung in einer Kuppel? Wir wollten das nicht festlegen, sehr wohl aber einfassen oder umfassen, wie einen Garten oder einen Hof. Dazu braucht es vier Wände, alle gleich gross und rechteckig.

Aber nicht zu einem festgemauerten Raum verbunden, was wieder zu sehr wie ein Gebäude wäre. Die Wandflächen lehnen bloss aneinander: jede Wand lehnt und stützt zugleich. Eine dieser vier Tafeln steht aufrecht. Beinahe wie eine Chorwand. Eine einfache Geste, entstanden fast wie im Spiel.

 

Herzog & de Meuron, 2020

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Über Herzog & de Meuron
Kurzporträt

Herzog & de Meuron wurde 1978 in Basel gegründet und wird von Jacques Herzog und Pierre de Meuron gemeinsam mit den Senior Partnern Christine Binswanger, Ascan Mergenthaler, Stefan Marbach, Esther Zumsteg und Jason Frantzen geführt. Ein internationales Team von fast 500 Mitarbeitern, darunter die beiden Gründer, fünf Senior Partner, neun Partner und 42 Associates, arbeitet an Projekten in ganz Europa, Amerika und Asien. Der Hauptsitz befindet sich in Basel, mit weiteren Büros in London, New York, Hongkong, Berlin und Kopenhagen.

«Architektur hat mit Denken zu tun, nicht mit Glauben.»
(Jacques Herzog)

Zu den architektonischen Werken von Herzog & de Meuron gehören Privathäuser genauso wie grosse Projekte im Städtebau. Viele der Bauten geniessen einen hohen, öffentlichen Stellenwert und grosse touristische Anziehungskraft. Darunter Museen, Stadien, Wohn- und Bürokomplexe.

Herzog & de Meuron durften unter anderem schon den Pritzker Architecture Prize (USA), die RIBA Royal Gold Medal (UK), den Praemium Imeriale (Japan) und den Mies Crown Hall Americas Prize (USA) in Empfang nehmen.